Wanda im Interview: Erfolg ist nur ein trojanisches Pferd

Selfies mit Kindern, kollektive Sehnsucht, Gerda Rogers: Sänger Marco Michael Wanda und Gitarrist Manuel Christoph Poppe über „Ciao!“, das vierte Wanda-Album.

Wanda im Interview.
Foto: Mistlbacher/Content Creation GmbH

Woher kommt die Idee, auf „Ciao!“ einen Song nach Starastrologin „Gerda Rogers“ zu benennen?

Wanda: Personen wie Gerda Rogers sind Schamanen unserer Zeit. Das finde ich faszinierend. Die Menschen sind heute um Wahrheit bemüht wie nie zuvor, weil so viele Sprachrohre eben diese Wahrheit der Welt beanspruchen.

Könnte jemand wie Gerda Rogers ein Symbol sein für die Unwägbarkeit des Seins, für Suche nach Sicherheit und Antworten auf existenzielle Fragen?

Wanda: In diesem Vakuum, das Wissenschaftskritik und Politikverdrossenheit hinterlässt, stecken ganz andere Kaliber. Wenn online Verschwörungstheorien über die Herrscher der Erde verbreitet werden, ist das nur bizarr. Die Menschen wenden sich aus lauter Hilflosigkeit an Scheinexperten. Das gilt natürlich nicht für Gerda Rogers.

Wanda im Interview.
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Existierte für euer Album auch ein Masterplan, in welche Richtung die Songs gehen sollten?

Wanda: Einige Spielregeln haben sich verändert. Das Gefühl, fünf Jahre auf Tour zu sein, haben wir in ein Haus an der tschechischen Grenze überführt. Dort wurde ein Studio hineingebaut. Neun Tage in einem holzigen Raum miteinander leben – das verändert die Weise, wie man aufnimmt und ermöglicht eine intensive Live-Atmosphäre.

Viele Fans erwarten von ihren „Favorites“, dass Alben immer gleich klingen müssen. Abweichungen werden kaum toleriert, Weiterentwicklung wird dadurch oft mühsam. Seid ihr mit diesem Phänomen konfrontiert?

Poppe: Druck machen wir uns ganz sicher keinen. Ich wüsste auch nicht, wie eine Erwartungshaltung ausschauen soll. Unser Publikum will neue Songs hören. Was immer dann passiert – am Ende bleibt es ein Album von Wanda.

Wanda mit „Ciao Baby“

Gibt es tatsächlich keinen Erfolgsdruck vor einer neuen Veröffentlichung? Das ist kaum vorstellbar.

Wanda: Erfolg ist nur ein trojanisches Pferd, in dem man sich verwirklichen will. Während unserer Gespräche taucht nach dem dritten Spritzer ein Thema auf: Wie ist das möglich? Wie kann das im Radio laufen? Wie können das Hits sein? Es klingt doch wie Underground. Ich werde nie verstehen, wie solche Musik im Mainstream gelandet ist.

Gibt es trotzdem Erklärungsansätze?

Wanda: Diese Gruppe strahlt nichts Trennendes aus. Hier regiert die Philosophie, viele unterschiedliche Personen zu vereinen. Besucher, die einander nicht kennen und sich nach einer Show schwitzend, lachend und weinend in den Armen liegen. Menschen haben viel Lust auf Begegnung.

Poppe: Jeder spürt, dass wir keine Auftragsmusiker sind, die in einer Zweckgemeinschaft als Söldner arbeiten. Die Freundschaft ist spürbar, das schwingt in jedem Song mit.

Für mich klingt „Ciao!“ um eine Nuance polierter und kommerzieller als die vorherigen Werke. Stimmt das oder habt ihr eine völlig andere Sichtweise?

Wanda: Spannend. Wir haben beim Aufnehmen gedacht, diese Platte ist wesentlich roher und wilder als je zuvor.

Poppe: So wie bunte Rocksongs im zerknitterten Hemd.

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Foto: Mistlbacher/Content Creation GmbH

Die Lyrics haben viel zu tun mit sensiblen Beziehungen, mit fragilen Momenten des Lebens, mit dunklen Punkten. Sind das alles persönliche Erfahrungen?

Wanda: Das bin ich und das kann jeder andere sein.

Aber du bist hier der Ausgangspunkt...

Wanda: Wahrscheinlich. Einer muss es schließlich sein.

Eine andere Erfahrung betrifft Popularität. Hat der Erfolg den Alltag der Gruppe spürbar verändert?

Poppe: Nein, auf der Straße hat uns noch niemand die zerknitterten Hemden vom Leib gerissen. Wenn man erkannt wird, erfolgen Begegnungen auf Augenhöhe, das läuft respektvoll. Die Leute sind sehr bodenständig.

Wanda: Unsere Fans sind ein höfliches Publikum, mir ist noch nie etwas Unangenehmes passiert. Die Sache hat zudem eine wirklich breite Akzeptanz gefunden, egal, ob alt oder jung. Ich mache in letzter Zeit nur Selfies mit Kindern.

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Foto: Mistlbacher/Content Creation GmbH

Die Szene hat sich ohnehin radikal gewandelt. Viele Jahre wurden österreichische Künstler oft ignoriert, heute füllen immer mehr Acts Hallen und Kassen. Was hat diesen Stimmungswechsel letztlich ausgelöst?

Wanda: Ich glaube, es war einfach an der Zeit. Wir alle in Österreich sind das Resultat einer kollektiven Sehnsucht. Es gab lange nichts in Form deutsch getexteter Musik, das Menschen erreichen konnte. Mir hat das früher gefehlt. Ich hätte gerne eine Gruppe gehabt, die über jenes Leben, das ich kenne, in meiner Sprache singt. Das hätte geholfen.

Ist es nicht heute auch leichter geworden, relevante Formationen selbst zu orten, etwa über Social Media?

Wanda: Wolfgang Ambros hat auch ohne Internet verkauft. Wir konnten als Generation die Zeit für das Wesentliche nutzen, nämlich Musik. In den 2000er-Jahren hat das Radio weggeschaut, Labels mussten zusperren. Es gab keine Gedanken an Erfolg, jedoch Raum für Entwicklung.

„Komischer Traum“ heißt eine Nummer auf dem neuen Album – wovon träumen Wanda?

Wanda: Für mich ist das gesamte Leben ein komischer Traum. Gefährlicher Satz, oder? Lassen wir das so stehen.

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Über Wanda:

Seit ihrem Debüt-Album „Amore“ (2014) zählen Wanda zu den Hauptdarstellern des neuen Austro-Szene-Höhenflugs. „Bussi“ (2015) und „Niente“ (2017) erwiesen sich als weiterer Karriere-Treibstoff. Resultat: Gold und Platin, ausverkaufte Gigs, mehr als 100.000 Fans auf der Wiener Donauinsel. Auch international ist die Band auf der Überholspur unterwegs.

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