Bilderbuch im Interview

Mit nicht weniger als zwei neuen und spannenden Alben haben Bilderbuch die Erwartungen ihrer Fans mehr als erfüllt. Wie vielfältig die neuen Werke sind, erzählt Gitarrist Michael Krammer alias Snacky Mike im Interview mit dem SATURN Magazin.

Michael Krammer von Bilderbuch im Interview mit mit dem SATURN Magazin.
Foto: Hendrik Schneider

SATURN Magazin: Findet ihr es erstaunlich, dass ihr euch immer wieder häutet und mühelos damit bei Fans und Kritikern durchkommt?

Michael Krammer: Wir finden einfach keinen Gefallen daran, zu einer Motto-Band zu verkommen und ein und denselben Song immer wieder zu schreiben. Genau diese Weiterentwicklungen sind wohl schon zu so etwas wie unserem Stil geworden. Sie werden wohl auch von Fans und Kritikern besser angenommen als würden etwa Metallica jetzt Lounge oder Jazz machen. 

SATURN Magazin: Wie nehmt ihr selbst die Qualität eurer Weiterentwicklung wahr?

Michael Krammer: Wir finden mehr und mehr zu einer immer ehrlicheren Version von uns selbst. Und so wie wir uns privat als Menschen weiterentwickeln, so ist es auch mit uns als Musiker. Die verschiedenen Parameter sind immer am Schwanken und man versucht, die richtige Dosis hinzukriegen. Letztendlich, ganz ehrlich, sind wir zwar nie zu 100 Prozent zufrieden mit uns, aber das kann einen auch zur Weiterentwicklung anspornen.

SATURN Magazin: Wo stehen Bilderbuch denn anno 2019?

Michael Krammer: Uns ist es wichtig, die Leute mit unserer Musik zu umarmen, positive Vibes zu transportieren und dabei keinen auszuschließen. Auch wenn das naiv klingen mag, aber das ist eben unser Weg, um die dumme Wut und Boshaftigkeit in der Welt zu entkräften.

Michael Krammer von Bilderbuch im Interview mit mit dem SATURN Magazin.
Foto: Hendrik Schneider

SATURN Magazin: Wie seht ihr denn die beiden neuen Werke inhaltlich zueinander?

Michael Krammer: „mea culpa“ ist sehr privat und dreht sich viel um persönliche Liebesgeschichten während „Vernissage My Heart“ viel mehr ein offenes Gefühl des Miteinanders darstellt. Von innen nach außen sozusagen.

SATURN Magazin: Warum veröffentlicht ihr eigentlich gleich zwei Alben auf einmal? 

Michael Krammer: Wir hatten, wie meistens, sehr viel Material und haben ab einem gewissen Punkt bemerkt, dass es sich in zwei verschiedene Richtungen entwickelt. Darauf sind wir dann intensiver eingegangen und haben zwei eigenständige Platten herausgearbeitet. Diese Arbeitsweise hat sich für uns wesentlich natürlicher und frischer angefühlt, als nur ein einziges, langes und zusammengewürfeltes Album zu machen.

SATURN Magazin: Die neuen Platten klingen trendy, aber nicht an den Zeitgeist anbiedernd. Wo orientiert ihr euch derzeit musikalisch?

Michael Krammer: Eher wieder an analogeren und natürlicheren Sounds. Wir verschließen uns zwar vor nichts, doch momentan zieht es uns eher wieder in diese Richtung, wie auch auf „Vernissage My Heart“ am relativ räumlichen Schlagzeugsound zu hören ist. Das hat teilweise schon fast Proberaumcharakter – auf eine gute und sehr erfrischende Art.

Michael Krammer von Bilderbuch im Interview mit mit dem SATURN Magazin.
Foto: Timothy Schaumburg

SATURN Magazin: Warum hat Liebe jetzt so markant Platz in den Songs?

Michael Krammer: Wenn du merkst, dass Negativität und miese Gedanken dich nirgendwo hinbringen, dann liegt es ziemlich nahe, sich einmal intensiv mit sich selbst auseinander zu setzen. Die Conclusio ist, dass es wohl am effektivsten ist, naiv und hippiemäßig an die Sache heranzugehen und zu sagen: Ich will euch alle umarmen, let‘s dance. 

SATURN Magazin: Display, App, Led, online & Co: Ihr nutzt stets Begriffe aus der jeweiligen Zeit, in der ihr veröffentlicht. Seht ihr es als eure Aufgabe, das „Jetzt“ musikalisch zu vermessen?

Michael Krammer: Es ist weniger eine Aufgabe, sondern vielmehr eine natürliche Sache für uns, den Dingen und Slangs, die uns umgeben in unserer Musik einen Platz zu geben. Wir wollen ohne Zeitlosigkeit und Classiness zu verlieren, den Zeitgeist auf eine für uns authentische Art und Weise rüberbringen.

SATURN Magazin: Die letzte Nummer von „Vernissage My Heart“ heißt „Europa 22“. Was denkt ihr über dieses Europa, in dem wir derzeit leben?

Michael Krammer: Das „Konzept Europa“ ist eine Idee, mit der wir viel anfangen können. In „Europa 22“ singt Maurice auf eine sehr direkte und simple Art über dieses Thema, doch versucht er es vor allem mit Freiheit und Hoffnung zu beleuchten. Die europäische Idee ist etwas, das wir nur sehr ungern zerbröckeln sehen, deshalb auch der Song.

Das Interview führte Wolfgang Bogner.

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